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Stefan Maria Dosdal

Vom ungläubigen Manager zum Gottesdiener

Der Lebensweg von Stefan Maria Dosdal

Stefan Maria Dosdal: Es war wohl nie meine Absicht, einmal darüber zu schreiben, wie ich Christ wurde. Aber nach vielen Erzählungen und Einladungen zu Vorträgen in Gemeinden, wurde ich ermutigt, mein persönliches Erlebnis niederzuschreiben.

Oft denke ich an jene Zeit zurück, da war ich noch keine 30 Jahre alt und hatte alle meine Jugendträume weitestgehend erfüllt. Es mangelte nicht an Geld, schon gar nicht an Luxusgütern, ich hatte eine Frau und eine wunderbare Tochter. Wir bewohnten ein Penthouse ganz in der Nähe von Zürich und meine Sorgen waren derart kleinlich, dass ich heute herzhaft darüber lachen kann. Ich war wohl arrogant und selbstherrlich. Wie sonst könnte man jemanden beschreiben, der sich darüber beklagte, wenn sein Lebensmitteleinkauf wieder einmal nicht in seinen Sportwagen passte.

Es liegen ein paar intensive Jahre hinter mir und 2012 war ich aufgrund vieler Ereignisse wenig optimistisch. Ich lag gefühlt am Boden.

Stefan Maria Dosdal – Meine Geschichte

Mit 15 Jahren, das war im Jahr 1999, war mein Ziel klar definiert: viel Geld verdienen und Statussymbole besitzen. Dafür habe ich eine Ausbildung zum Fachinformatiker abgebrochen und stattdessen eine Online Marketing Firma gegründet. Ich arbeitete Tag und Nacht für mein erklärtes Ziel. Freundschaften standen bei mir nicht hoch im Kurs, viel mehr waren sie oberflächlich. Sämtliche Treffen mit guten Bekannten sagte ich mehr oder weniger gut begründet ab. Ich war nur mit mir und dem Geld verdienen beschäftigt.

Meine Firma erwirtschaftete den primären Umsatz mit dem Internet und Google. Suchergebnisse zu meinem Vorteil zu beeinflussen – heute als SEO bekannt – fiel mir wirklich einfach. Die ersten zehn Ergebnisse zu einem von mir ausgesuchten Thema waren stets die meinen und so konnte ich hunderttausende Besucher auf meine Webseiten bringen. Dort angekommen, bot ich verschiedene Dienstleistungen – heute als Affiliate Marketing bekannt – an.

Mit 20 Jahren verdiente ich bereits stattlich und besass einen schnittigen Sportwagen, den ich regelmässig über die Autobahnen galoppieren liess – die PS waren ein reinstes Vergnügen. Ausserdem bewohnte ich eine Wohnung am Strand von Warnemünde und beinahe täglich speiste ich beim Italiener um die Ecke. Ich liebte Geld und die Möglichkeiten damit. Mir waren Statussymbole sehr wichtig, die zu meiner Selbstdarstellung einfach dazu gehörten.

Zu diesem Zeitpunkt war ich bereits abgehoben und hatte meiner Seele nur Gift getankt. Das schlimme war, dass ich daran Gefallen fand. Zunehmend launisch und von mir selbst geradezu besessen interessierten mich nur oberflächliche Beziehungen, ganz ohne Verpflichtungen. Beziehungen hielten daher nie mehr als zwei Wochen. Dass ich so zunehmend vereinsamte, bemerkte mein stolzes Ego gar nicht. Ich war halt launisch – das war okay für mich, da ich mich gut und gerne dem Wort „exzentrisch“ bediente und diese Lebensweise für angemessen und gesund hielt.

Stefan Maria Dosdal –

Ich wollte geliebt werden

Und doch erinnere ich mich an eine wundervolle Frau aus dieser Zeit, die einfach mehr Beachtung verdient hätte. Nennen wir sie Yvonne. Statt bei Yvonne zu bleiben, feierte ich lieber mit überwiegend oberflächlichen Leuten auf Mallorca bei Pasta und Wein im Hafen von Andratx. Yvonne klagte darüber zurecht und beendete die Beziehung nach einiger Zeit. Heute ist mir bewusst, dass ich ein Problem mit der Nähe hatte, ich fühlte mich unwohl und überspielte meine Unsicherheit mit coolen Sprüchen.

Ich konnte nicht in die Tiefe gehen, war lieber oberflächlich und somit – so redete ich es mir jedenfalls ein – unantastbar. Menschen habe ich stets versucht auf Distanz zu halten. Niemand sollte erfahren, wer ich eigentlich bin, nämlich auch verletzlich und mit Makeln. Das Streben nach Perfektion ist ein Zeichen dafür, dass man keine Zufriedenheit, keinen Ausgleich im Leben hat. Dass dies nur zum Unglück führen konnte, ist mir heute bewusst. Während ich diese Zeilen schreibe, bin ich beinahe verblüfft über meine damalige soziale Inkompetenz.

Ja, ich hatte Angst vor Zurückweisungen – doch Liebe funktioniert nur, wenn man bereit ist, sich einer Person ganz zu öffnen und hinzugeben, dabei vor allem authentisch zu sein. Das habe ich definitiv noch länger ignoriert. Ganz tief in meinem Herzen war ich durch zurückliegende Ereignisse derart verletzt, dass ich nicht mehr authentisch war und immer öfter Rollen suchte, die ich auslebte. Wer war ich? Wie konnte mich jemand lieben, wo ich doch selbst den Draht zu mir verloren hatte?

Stefan Maria Dosdal –

Rund um die Welt

Mit einem alten Bekannten bereiste ich Indonesien, Australien und Hawaii. Ich erinnere mich noch an eine Szene in einem Surfcamp auf Bali. Ich zündete mir nach der Ankunft eine schöne Zigarre an und hatte sofort einen Stempel auf der Stirn: arroganter Wichtigtuer. Mein Ziel war es wohl aufzufallen und so im Mittelpunkt zu stehen. Die anschliessende Rückweisung verärgerte mich, da ich die Schuld natürlich nicht bei mir suchte – was für ein Paradoxon. Wir zogen danach in ein 5 Sterne Resort um. Da fühlte ich mich wohl, die Landung mit Helikopter am naheliegenden Strand gehörte den Rest des Urlaubs dazu. Die smarten Surfer sahen wir nie wieder und das Thema Surfcamp war damit begraben. Liebe Surfer, ich war nicht einmal im Stande auf einem Gun-Board zu surfen. An diesem Beispiel lässt sich nur eindrucksvoll erkennen, dass meine Weltsicht äusserst verzerrt war. Nicht die Surfer waren weltfremd, sondern ich.

Einige Monate später ging es für mich nach Sibirien, um dort ein Geschäft im Bereich Internet Marketing aufzubauen. Ich kam dort im knackigen Winter an, die Nasenhaare froren bei jedem Atemzug ein. Ein Ort, den man sich gestalten muss. Und da war ich mittlerweile gut drin. Jeden Abend besuchte ich eine Bar mit leicht bekleideten Frauen. Die Bilanz des Ladens hat während meines sechsmonatigen Aufenthaltes sicher Eindruck hinterlassen.

Ausserdem hatte ich in Russland eine Beziehung zu einer sehr charmanten Frau – nennen wir sie Helene. Helene und ich verbrachten viel Zeit miteinander, ich lernte sogar ihre Mutter kennen. Wir flogen mit einer Maschine in die Stadt Irkutsk, ein klassischer Inlandsflug im tiefen Russland sieht in etwa so aus: Es wird an Bord geraucht und ordentlich Wodka getankt und der russische Pilot lässt die Boeing im Sturzflug absinken, obwohl er eigentlich nur zur Landung ansetzt.

Die leckere Borscht (russische Suppe), die die Mutter von Helene für uns kochte, werde ich nicht vergessen. Helene und ihre Familie sind herzensgute Leute. Meine Entscheidungen in dieser Beziehung waren oft falsch, statt an der jungen Liebe festzuhalten, beging ich grosse Fehltritte. Diese werden mich den Rest meines Lebens begleiten. Bitte vergib mir, Helene. Gott beschütze Dich.

Ich zog 2008 aus geschäftlichen Gründen in die Schweiz und liess mein altes Leben zurück. Zeit für neue Anschaffungen: Eine Frau am Flughafen von Zürich ist mir dabei in Erinnerung geblieben, denn sie rief mir aus einem Schmuckladen nach: „Auffallen um jeden Preis, was?“. So war es! Das war ganz nach meinem Geschmack und deswegen kaufte ich direkt noch einen beeindruckenden, silbernen Ring bei ihr, der meinen Daumen schmücken durfte. Da war ich 22 Jahre alt. Heute muss ich sagen: smarte Geschäftsfrau und primitiver Stefan!

Stefan Maria Dosdal –

Das Business lief prima – scheinbar

In der Schweiz hatten meine Geschäftspartner und ich eine gute Sache am Laufen. Es ging um sehr viel Geld. Ein paar Jahre lief es beinahe eindrucksvoll, ich heiratete in dieser Zeit meine heutige Ex-Frau und wir bekamen eine gemeinsame Tochter. Wir lebten auf grossem Fuss. Ich zahlte zudem monatlich Unterhalt an die Familie meiner Ex-Frau. Ich kannte ihre Familie kaum, aber ich wollte meine Ex glücklich machen. Meine Formel war sehr primitiv: Liebe bekomme ich, wenn ich dafür Geld auf den Tisch lege. Beim Pokern würde man es wohl “Buy-in” nennen. Ich durfte am Tisch Platz nehmen, bis die Chips aufgebraucht waren. Wer hatte die besseren Karten? Mein Blatt war schlecht.

Das Muster zieht sich weiter durch, meine Ex-Frau war nicht an mir als Person interessiert, ich war in meiner Rolle einfach nicht authentisch und lebte wie ein selbstverliebter Unternehmer – auch wenn es gespielt war. Was, ausser dem Geld, konnte sie an mir lieben? Immer deutlicher hatte ich den Kontakt zu mir selbst verloren. Die Seele war in einem kritischen Zustand. Das hatte ich leider nicht begriffen, ausserdem war es leider auch zu spät für eine Erleuchtung.

Erste Risse kamen in meine scheinbar heile Welt, denn das unendliche Misstrauen unter uns Geschäftspartnern hat die Firma in den Abgrund gerissen. Ausserdem verlagerten sich unsere Interessen zunehmend. Ich war ein Freund des Risikos und habe womöglich ein wenig zu viel riskiert. Einer meiner Geschäftspartner nannte meine Art Geschäfte zu tätigen die „All-in Mentalität“. Wahrscheinlich lag er damit gar nicht so falsch. Es war keine einfache Zeit und wir alle haben unsere Fehler gemacht. Ich entschuldige mich aufrichtig für die meinen. Zuletzt konnte auch unsere externe Buchhaltung nur noch feststellen, dass die Firma finanziell am Ende war.

Stefan Maria Dosdal –

Nun ging es schnell abwärts

Meine finanziellen Mittel neigten sich dem Ende zu, nachdem meine Ex-Frau es stets zum Fenster hinauswarf. Es musste gespart werden. Ich versuche meine Ex-Frau noch heute zu verstehen; denn die Schlacht, die sie gegen mich führt, empfinde ich als falsch. Sie hatte sich von unserem gemeinsamen Leben wohl einfach etwas anderes erhofft: Reichtum. Und ich konnte nun finanziell nicht mehr mithalten. Ich war einen Deal eingegangen, und wenn du die Liebe kaufst, endet sie unweigerlich im Bankrott. Ein schwerer Fehltritt von mir. Ich zahlte nun den Preis für meine überzogene Aussendarstellung.

2012 ist mein Schicksalsjahr. Die Firma wurde zu einem Scherbenhaufen, die kleine Familie war fort und ich stand allein auf weiter Flur.

Es war für mich an der Zeit eine Bestandsaufnahme zu machen. Wer bin ich? Was habe ich? Warum läuft es so, wie es läuft? Der Unmut meiner Ex-Frau war in jeder Faser meines Körpers zu spüren. Ich war aus ihrer Sicht ein kleiner armer Schlucker geworden; was hatte ich denn noch zu bieten? Ein Gutschein von Douglas hätte sie wohl auch nicht milder gestimmt. Es wurde laut im Haus, zu laut. Aus Respekt zu meiner kleinen Tochter, packte ich meine sieben Sachen und fuhr wie schwer verwundet zu Freunden. Ich fühlte mich wie ausgesaugt. Während ich noch an ein Comeback dachte, hatte meine Ex-Frau längst neue Pläne geschmiedet. Ich überwies ihr noch eine fünfstellige Summe für den Unterhalt, danach hörte ich nur noch von ihren Anwälten. Was sie mit dem Geld letztlich angestellt hat, weiss nur sie allein. Sie lebt heute mit einem anderen Mann zusammen und hat bereits eine neue Familie.

C’est la vie. Zugegeben: es ist nicht ganz so einfach. Mich hat die Sache tief verletzt, denn ich wurde in kürzester Zeit gegen jemand anderen ausgetauscht. Funktioniert so das Leben? Ist die Liebe eine Illusion? Es bestätigte jedenfalls meine damalige verzerrte Ansicht, dass Beziehungen nur funktionieren, wenn ich eine Leistung dafür erbringe. Das musste ich erstmal sacken lassen – aber vor allem war es an der Zeit, diese alten Muster zu durchbrechen.

Stefan Maria Dosdal –

Gott rückte in den Mittelpunkt

Diese Momente, der Bankrott, der Verlust meiner kleinen Familie, das hat mich innerlich sterben lassen. Ich war hoffnungslos und völlig überfordert. Immer wieder kamen Fragen in mir auf: Wo ist der Sinn geblieben? Was sollte ich tun? Wer bin ich? Ich hatte keinen Plan. Mein Leben war eine Illusion, eine schier unglaubliche Traumwelt. Ich liebte eine Frau, die gar nicht existierte. Meine Frau war in meinen Gedanken eine andere, als die, die ich nun unverblümt kennenlernte. Mein Ego war wie aufgelöst und empfänglich für jede Nuance. Es war der Moment, an dem mich Gott reanimieren sollte.

Ich lernte zu dieser Zeit nur noch Menschen kennen, die alle eines gemeinsam hatten: Sie waren Christen, mit Ausnahme einer Muslimin, die auch ein sehr wichtiger Anker in meinem Leben wurde. Gott fing an, mich – aus heutiger Sicht – mit den richtigen Menschen zusammenzubringen. Ich erinnere mich an eine Künstlerin aus der Nähe von Zürich, die mir viel Zuversicht schenkte aber auch nicht zimperlich mit mir umging. Ich schlief in ihrem Atelier. So etwas wie Selbstmitleid interessierte sie nicht, deswegen fing ich damit gar nicht erst an. Wir hielten uns an die Fakten. Sie hat mich mit ihrer Art weitergebracht. Und als es an der Zeit war, schickte sie mich auf ihre ganz eigene Weise weiter. Ich solle einfach auf Gott vertrauen. Ich wünsche ihr alles Gute und Gottes Segen.

Stefan Maria Dosdal –

Auf Gott vertrauen – Nächstenliebe kennenlernen

Wie schön diese Momente sind, wenn man jeden Tag auf Gott vertraut, wurde mir erst sehr viel später klar. Denn nachdem ich das Haus der Künstlerin verliess, stand ich mit ein paar Umzugskisten ganz alleine da. Ein ehemaliger guter Bekannter war so freundlich, mir sein Auto zu leihen, damit ich mein Hab und Gut irgendwo hinfahren konnte. Ich danke ihm dafür. Meine Ex-Frau lebte in der ehelichen Wohnung – ein 140qm Penthouse – und ich musste überlegen, wo ich die nächste Nacht verbringe. Ich hatte noch nicht einmal Zeit, mir darüber Sorgen zu machen.

Ich lernte eine Frau späteren Alters kennen, die mich wie einen Sohn in ihrer überschaubaren Wohnung in Zürich aufnahm. Sie ist eine Mormonin. Ich gab ihr meine letzten Ersparnisse. Das Geld würde für einen Monat reichen. Der Aufenthalt sollte ein knappes Jahr werden. Ein intensives Jahr. Sie war sehr höflich, kochte für mich und verlangte dafür nichts, rein gar nichts. Sie lehrte mich die Bibel zu lesen und nahm mich an jedem Sonntag mit zum gemeinsamen Gebet. Diese Liebe, von einem fremden Menschen, habe ich so zuvor nie erfahren. Sie ist ein herzensguter Mensch und hat meine Seele nachhaltig, positiv verändert. Auf diese Weise durfte ich Nächstenliebe kennenlernen. Ich danke ihr für die Freundschaft, die wir bis heute pflegen.

Stefan Maria Dosdal –

Gott prüft mich

Während dieser Zeit war meine Ex-Frau mit unserer gemeinsamen Tochter nach Polen gezogen. Es war ein weiteres Loch, in das ich fallen sollte. Warum passierte das? Ich blieb in Zürich, um für die Gerechtigkeit zu kämpfen, um wenigstens Kontakt zu meiner Tochter haben zu können. Gott, hast Du mich im Stich gelassen? Ich fing an zu zweifeln. Ich sehnte mich in dieser Phase meines Lebens nach einer Kirche und lief deshalb wie gesteuert durch die Stadt. Zunächst stolperte ich in eine protestantische Kirche hinein, um festzustellen, dass diese frei von jeglichem Leben war, nämlich kalt und traurig. Deshalb ging ich wieder hinaus und fand einige Meter weiter eine andere Kirche.

Als ich die Tür öffnete, entgegnete mir ein Strahl der Wärme. Dies war ein Haus Gottes, das mir gefallen sollte – denn es atmete. Zunächst schweifte mein Blick durch die Bänke, um sicher zu gehen, dass ich alleine war. Mir war es unangenehm, beim Gebet gesehen zu werden. Ich schämte mich. Als ich mir ganz sicher sein konnte, dass ich ungestört bin, presste ich meine Knie auf eine hölzerne, harte Bank, um meiner Demut beim Gebet Ausdruck zu verleihen. Es war das erste Mal, dass ich mich in einer Kirche hinkniete.

Zu Beginn lamentierte ich, warf „jemandem“ Worte entgegen, den ich nichtmal sehen konnte. Ich wollte Gott die Schuld an allem geben, obwohl ich zuvor noch nichtmal an ihn glaubte. Nach vielen verzweifelten Gebeten und Tränen, fing ich an, etwas zu verstehen: Gott hat mich nie im Stich gelassen.

Denn er gab mir ein Dach über den Kopf, er gab mir ehrliche Freunde und er gab mir zu Essen. Ich erfuhr Gottes Gnade. Ein Lobgesang ist es, was ich dem Herrn entgegenbringen sollte. Es flammte etwas auf, doch womöglich habe ich diese Flamme zu diesem Zeitpunkt nicht ausreichend verstanden, jedenfalls nicht gewürdigt. Aber sich von heute auf morgen gänzlich zu verändern, ist ohnehin eine Illusion. Mit dem Gefühl, dass Gott mit mir sei, verliess ich die Schweiz. Denn Perspektiven gab es dort keine für mich, in mir wuchs der Appetit nach Abwechslung.

Stefan Maria Dosdal –

Die Karibik

Es bot sich mir eine Möglichkeit, auf die Bahamas zu fliegen. Das tat ich mit grossem Tatendrang – da überlege ich nicht gross, spontan war und bleibe ich. Meinen Verpflichtungen kam ich nach, meiner Ex-Frau überwies ich einen – wie mir schien – angemessenen Unterhalt. Ich lernte sofort Einheimische kennen und konnte mich nicht von Abenteuern fern halten. Gott hatte ich zu dieser Zeit nicht mehr so sehr auf dem Schirm, ich war ziellos. Mein Credo lautete: Hauptsache Abwechslung und viel Spass, den Ärger einfach hinter mir lassen. Dass ich so nur neuen Ärger sähen würde, das war mir zunächst nicht klar. Ich konnte mich selbst nicht ausreichend reflektieren, sah die Herausforderungen nicht kommen.

Ich war von den Frauen auf den Bahamas begeistert und begab mich deshalb zunehmend in Schwierigkeiten. Der Ärger liess nicht lange auf sich warten. In einem Club direkt am Hafen von Nassau, kam es bald zu einer Auseinandersetzung. „White Boy“, wie sie mich dort nannten, war nicht besonders erwünscht. Ich war auf der Insel bekannt geworden; ich legte mich mit den falschen Leuten an.

Eine Gruppe von einheimischen Griechen waren nicht darüber erfreut, dass ich mit den hiesigen Frauen flirtete. Und da meine bahamaischen Freunde, die ich liebevoll „Bodyguards“ nennen möchte, vor ihnen einknickten, musste ich die Situation definitiv ernst nehmen. Auf den Bahamas, überhaupt in der Karibik, steht ein Menschenleben nicht besonders hoch im Kurs. Der Ort wurde mir im wahrsten Sinne des Wortes zu heiss.

Eine meiner Freundinnen empfahl mir Jamaika, das war im Nachhinein irgendwie auch gar nicht unlogisch. Denn die meisten Frauen auf den Bahamas kamen zum Geld verdienen aus Jamaika. Ich hatte also erstklassige Erfahrungen sammeln können.

Stefan Maria Dosdal –

Jamaika

Auf dem Flug nach Jamaika nahm ich eine eindrucksvolle Machete mit. Ich hatte mich auf den Bahamas zuvor ordentlich ausgestattet, um auf den Dschungel vorbereitet zu sein. Mir brachte der Auftritt auf der Insel den gewünschten Respekt ein. Man war der Überzeugung, ich wäre vom amerikanischen Militär. Mit Zigarre im Mundwinkel fragte ich auf genuscheltem Englisch, wo es denn nach Ocho Rios ginge. Dort hatte ich mir über das Internet (AirBnB) eine Schlafmöglichkeit organisiert. Sinn dieses Auftritts war die frühzeitige Abschreckung, Respekt verschaffen. Mich sollte niemand als Tourist einordnen, denn dann wäre ich schnell ein gefundenes Opfer gewesen. Und Rollen sind für mich kein Problem – ab und an ist es sinnvoll, sich dieser Strategie zu bedienen.

Zeit über die Dinge nachzudenken

Ich fing einmal mehr an über mein verkorkstes Leben nachzusinnen. Liebschaften, Bekanntschaften mit zwielichtigen Gestalten und dann war da noch die nicht zu unterschätzende hohe Mordrate auf Jamaika; im Übrigen eines der höchsten in der Welt. Irgendwann könnte es mich dank meines immer währenden säbelrasselnden Auftritts erwischen. War es das wert?

Auf Jamaika quartierte ich mich bei Einheimischen ein. Ich überlegte auch ernsthaft dort zu bleiben. Der Ort, an dem ich mich heimisch fühlte, nannte sich Oracabessa, dort hat Ian Fleming die James Bond Romane geschrieben. Das gefiel mir, der Ort hatte Charme. Ein echter Neuanfang, ganz in der Nähe vom Golden Eye.

Auf Jamaica gehören die Katholiken mit 4% zu einer Minderheit aber mit genau diesen kam ich zusammen und freundete mich schnell mit ihnen an. Das Haus, in dem ich lebte, vermietete mir eine fromme katholische Familie. Es ist einfach faszinierend, dass Gott mich ausgerechnet dorthin brachte. Mit meinen Freunden vor Ort ging ich regelmässig in die katholische Kirche; endlich besuchte ich eine heilige Messe. Ich spürte eine wahre Erfüllung. Es kam Ende 2014 wieder Ordnung in mein Leben.

Rosenkranz – Maria winkte mir zu

Ich hörte erstmals auch vom Rosenkranzgebet, denn ich erstand mir auf einem Markt eine hölzerne Kette und hing sie mir um den Hals, ohne zu wissen, dass es sich um eine Gebetskette handelte. Mir gefiel sie einfach. Erst ein Freund klärte mich auf, was genau ich mit mir herumtrug. Seit dieser Zeit war die Jungfrau Maria ständig anwesend, ganz unbewusst. Heute denke ich, dass der Rosenkranz die mächtigste Waffe gegen das Böse ist.

Der Weg ist das Ziel

Es folgten drei Monate, die mich intensiv mit der Frage beschäftigten, wohin mich mein Leben führen sollte. Warum ich immer das Abenteuer brauche und ich nie zufrieden mit dem Mittelmass war. Langfristig brachte mir das jedenfalls keine Erfüllung.

Eine liebe Frau trat in mein Leben, mit der ich nach weniger Zeit zusammenlebte. Die kalte Dusche am Morgen, die frische Mango vom Baum, die freundlichen Menschen um mich herum – ich erkannte, dass es sehr wenig brauchte, damit ich glücklicher und zufriedener war.

Nun, da war ich also, in einer kleinen Hütte mit Meerblick und einer Jamaikanerin, die liebevoll für mich kochte. Ich genoss jeden einzelnen Tag mit ihr. Es hätte der Anfang eines perfekten Lebens sein können.

Wertvolle Freunde

Ich lernte auf Jamaika auch einen Politiker von St. Mary Parish kennen. Ein sehr freundlicher Mann späteren Alters, der immer davon sprach, dass ich von Gott gesegnet sei. Ich werde das nie vergessen. Hoffentlich werde ich ihn bald einmal wiedersehen. Er hat eine unglaublich tolle, freundliche Familie, mit welcher ich 2014 zusammen Weihnachten bei angenehmen 30 Grad verbrachte. Dieser Moment ist für mich unbezahlbar und ich bin glücklich, dass der Kontakt zu ihm und seiner Familie weiter besteht.

Für die Familie meiner lieben Freundin organisierte ich ein Barbecue. Es waren sicher 20 Familienmitglieder gekommen, die mit uns zusammen im Garten grillten, Bier tranken und einfach eine schöne Zeit verbrachten. Dieser Moment gab mir sehr viel. Ich verstand, dass Geben eine sehr wohltuende Eigenschaft ist. Meine Freundin war unfassbar glücklich und ich war es ebenso.

Dieses Leben fing an, mir Freude zu bereiten. Ich wandelte mich zu einem wirklich sortierten, gesunden Menschen.

Meine Vergangenheit holte mich ein.

Stefan Maria Dosdal –

Die Polizei suchte mich – Der Weg ist hier nicht zu Ende

Mich erreichte eine Botschaft aus Deutschland, dass die Polizei mich suchen würde. Meine Ex-Frau hat Strafanzeigen in drei Ländern gestellt, da ich angeblich auf der Flucht wäre und ihr Unterhalt schulde. Es schmeckte ihr überhaupt nicht, dass ich in der Karibik höchstens von einer Kokosnuss erschlagen würde. Ich bin eher wachsam bei sowas, denn man weiss nie, was noch für Anschuldigungen in den Raum gestellt werden. Schliesslich war ich nicht auf der Flucht, sondern dabei, mein Leben zu verändern.

Ich überlegte gar nicht lange und checkte bei Condors Richtung Frankfurt ein. Ich wäre wirklich sehr gerne auf Jamaika geblieben aber nun flog ich nach über zehn Jahren das erste Mal wieder zurück nach Deutschland, um mich dieser fragwürdigen Anschuldigungen zu stellen.

Zurück in Deutschland

Zurück in Deutschland, wohnte ich im Haus meiner schwerkranken Oma – die Wiederkehr hatte ihr Gutes, denn so konnte ich sie noch einmal sehen. Ich begleitete meine liebe Grossmutter noch ein gutes Jahr, bis ich sie am Sterbebett ein letztes Mal atmen hörte. Gott hab sie selig. Ich liebe sie von ganzem Herzen. Diese letzte Begegnung ist unbezahlbar.

Um mich abzulenken, fing ich mit dem Joggen an und lief in der Woche bis zu 100 Kilometer. Bei mir muss es immer extrem sein. So bin ich nunmal gestrickt. In den Sport konnte ich meinen ganzen Ehrgeiz hineinstecken. Nach wenigen Wochen schaffte ich die 10 Kilometer bereits deutlich unter einer Stunde zu laufen. Das spornte mich zusätzlich an und setzte gleichzeitig einen Haufen Glücksgefühle frei. Aber dann brach ich mir nach einigen Monaten den Fuss und diese Phase meines Lebens wurde abrupt beendet. Das Gefühl der Einsamkeit kam zurück; ich wurde launisch und gar depressiv. Mir fehlte einfach ein Ziel.

In diesem Abschnitt meines Lebens lernte ich sehr viel mehr über mich kennen. Auch, weil mich eine sehr liebe Frau aus Algerien für einige Wochen wie eine Art Life Coach begleitete. Sie ist Muslimin und hat ihren Glauben sehr diszipliniert praktiziert. Das beeindruckte mich. Ich denke oft an sie und ihre Worte, die mich nachhaltig geprägt haben. Auf alle Fälle mochte ich sie. Es ist eine Tatsache, dass sie am Ende mehr über mich wusste, als ich es tat. Ich danke ihr aus tiefstem Herzen.

Stefan Maria Dosdal –

Der Schliff für meine Seele

Als ich eines schönen Sommertages in Lutherstadt Wittenberg spazierte, wurde meine Aufmerksamkeit unweigerlich auf ein Auto gelenkt, das vom übermässigen Anfahrgas überfordert schien. Der Motor jaulte unaufhörlich. Eine Ordensschwester parkierte in aller Ruhe ihren Wagen und hatte dabei einen kleinen Berg zu überwinden. Danach hatte ihr Auto eine verdiente Pause.
Ich begrüsste die Schwester mit einem “Grüss Gott!” und fragte sie, ob sie einen Rosenkranz zu vergeben hat. Denn meiner aus Jamaika war längst verloren gegangen, auch gedanklich! Selbst in die Kirche ging ich schon länger nicht mehr. Nun, es war schon etwas verrückt, ausgerechnet in Lutherstadt Wittenberg eine katholische Ordensschwester zu treffen. Ich konnte sie nicht übersehen oder überhören. So ist Gott nun einmal, er findet Wege, um mit uns zu kommunizieren. Der Herr hat Humor und die zierliche, warmherzige Ordensschwester Anneliese hatte einen Rosenkranz. Gemeinsam sassen wir daraufhin in der Kapelle und sie erklärte mir, wie ich die Gebetskette richtig bete. Das war im Jahr 2016. Seit dieser Zeit bleibt der Rosenkranz immer in meiner Tasche.

Ich bete ihn bei jeder Gelegenheit. An nur einem Tag lernte ich das Ave Maria auf Latein. In mir wuchs Zuversicht und Freude. Ich bemerkte zunehmend, wie der Glaube mein Leben in geordnete Bahnen lenkte. Mich nach der Lehre der katholischen Kirche zu richten, hat mir mehrfach aufgezeigt, dass ich gesünder und zufriedener lebe. Mein Charakter bekommt einen Kompass, der nicht zu unterschätzen ist.

Da ich mich durch die vielen Begegnungen sehr mit der Jungfrau Maria verbunden fühle, habe ich ein kleines blaues Buch mit dem Titel “Our Lady’s Message of Mercy to the World” bestellt. Ich hörte immer wieder mal von diesem Buch – es enthält Botschaften der Gottesmutter. Als ich es das erste Mal nutzte, betete ich den Rosenkranz, schlug eine zufällige Seite auf und erhielt die folgende Botschaft: “Reinige Deine Absichten”.

Das passierte noch einige Male so, immer wieder erhielt ich die selbe Botschaft. Das Buch enthält 392 verschiedene Botschaften. Ich habe viel darüber nachgedacht und irgendwann verstanden, wie ich mein Leben verändern sollte. Seither begleitet mich dieses Buch im tiefen Gebet. Die liebe und barmherzige Gottesmutter gibt mir Führung. Ihr grosser Wille ist es wohl, dass ich mein Herz öffne. Aufgrund meiner Vergangenheit, ist das keine leichte Aufgabe für mich.

Mein Glaube ist durch die Gebete und die Botschaften gereift. Seitdem passieren Wunder und neue tolle Freundschaften entstehen. Ich bin aktiv in einer katholischen Gemeinde und gehe jede Woche häufig an zwei Tagen in die heilige Messe. Besonders wichtig ist mir dabei der Sonntag.

Am 15. April 2017 wurde ich römisch-katholisch getauft.

Matthäus 28:19,20

Darum geht und macht alle Völker zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Und siehe, ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt.

Stefan Maria Dosdal –

Wichtige Begegnungen und Veränderungen

Auf dem Weg zum Glauben lernte ich Florian kennen, der die Botschaften der Jungfrau Maria in seinem Leben und Gebeten aus tiefster Überzeugung vereint. “Handle und denke mit dem Herzen” – diese Worte wiederholt er mir gegenüber wie ein Mantra. Florian ist ein wichtiger Teil in meinem Leben geworden, da er unglaublich welterfahren und belesen ist. Wir gehen regelmässig gemeinsam in die Kirche und unternehmen Reisen in Klöster oder zu Wallfahrtsorten.

An meinem Geburtstag 2017 lernte ich Pater Martin Wolf OMI kennen, der in unserer kleinen Kirche in Jessen zur Glaubenserneuerung predigte. Wir kamen ins Gespräch – daraufhin lud ich ihn zu einem Hausbesuch bei mir ein. An diesem Tag legte ich mein Lebenszeugnis ab, denn die Atmosphäre war für mich von Geborgenheit geprägt. Jener Pater begleitet mich auch heute noch bei meinen geistlichen Themen und brachte mich mit einem anderen besonderen Menschen zusammen: Torsten.

Torsten ist praktizierender Katholik und war zu Besuch in Lutherstadt Wittenberg, als er mich anrief und auf einen Kaffe einlud. Seine Menschenkenntnis ist bemerkenswert, wohl auch deswegen, weil er über 20 Jahre im Gefängnis war und dort seinen Glauben an Gott fand. Die Begegnung war spontan aber nicht ganz ungeplant. Nun, ich musste auf besondere Weise erfahren, dass ich noch immer sehr distanziert und kontrolliert wirke. Torsten, der mich noch keine Stunde kannte, hatte sofort ein Bild von mir gezeichnet. Er spürte meine Traurigkeit und dass mir etwas im Leben fehlt. Nur mit dem Herzen erreiche man die Menschen, so seine Worte. Das Treffen verlief nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Ich sei blind, doch ein Sehender solle ich werden.

Gott zeigte Humor, denn nur einen Tag später bekam ich zur Heiligen Messe die Apostelgeschichte 9 “Die Bekehrung des Saulus” in die Hand gedrückt, um sie bitte der Gemeinde vorzutragen. Vom Blinden zum Sehenden.

Diese kurz aufeinander folgenden Ereignisse haben mich erneut tief geprägt. Ich habe mich entschieden, meine Talente für das Gute einzusetzen. Anstatt ziellos zu sein, nehme ich die Zeichen des Herrn wahr und engagiere mich mittlerweile im Deutschen Kinderhospizverein, übernehme Verantwortung in der OLMOMS e.V,, die hilfsbedürftigen Kindern und Frauen Unterstützung bietet, bin missionarisch tätig, Lektor in der Kirche und engagiere mich beruflich in Frankfurt am Main im Online Business.

Derzeit studiere ich Theologie, mit dem Ziel, die Arbeit in der römisch-katholischen Kirche zu intensivieren.

Jedes Jahr pilgere ich an Wallfahrtsorte und lerne so spannende Menschen kennen. Meine Reise ist nicht zu Ende.

„Das Gute, das du tust, wird morgen vergessen sein, tue trotzdem Gutes.“ – Mutter Teresa

29. Dezember 2018, Stefan Maria Dosdal

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